Silent Books

Stille Bücher? Was soll das sein? Ich werde oft gefragt, welche Bilderbücher mich begeistern konnten. Statt darauf mit einzelnen Titeln zu antworten, erzähle ich häufig, dass meine große Leidenschaft die sogenannten Silent Books sind. Das sind Bilderbücher, die im strengen Sinne der Definition komplett ohne Text auskommen, ihre Geschichte einzig über die Illustrationen transportieren. Der Begriff hat sich leider nicht einheitlich durchgesetzt, sodass er in Deutschland beispielsweise kaum genutzt wird. Stattdessen wird hierzulande häufig von Bilderbüchern ohne Worten oder von textlosen Bilderbüchern gesprochen. Das ändert zwar nichts an der Sache, aber an ihrer Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Würde der Begriff einheitlich benutzt werden, wären die Bücher dieser Art leichter auffindbar, nutzt man hingegen die anderen Begrifflichkeiten zur Suche erhält man leider viele irrelevante Informationen. Zudem ist der Begriff der textlosen Bilderbücher auch zu weit gefasst, um die Silent Books von anderen textlosen Büchern abzugrenzen. Neben den Silent books, die wortlos eine fortlaufende Geschichte erzählen, finden sich beispielsweise noch Wimmelbücher, die häufig keine narrative Funktion haben und Konzeptbücher für Kleinkinder, in denen einzelne Gegenstände abgebildet sind, mit denen sie ihren Wortschatz erweitern und ihre Lebenswelt besser kennenlernen können.

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Ich selbst werde hier auf dem Blog übrigens eine weniger strenge Definition nutzen, für mich fallen auch solche Bilderbücher unter den Begriff der Silent Books, in denen sich einzelne Worte oder Lautmalereien finden. Dabei gilt für mich als Orientierung die Frage, ob die Geschichte auch ohne diese Einsprengsel funktionieren würde.

Nach dem „Was“ folgt unweigerlich die Frage nach dem „Wie“. Wie soll ich meinen Kindern ein Buch ohne Text überhaupt vorlesen? Viele Eltern sind verunsichert, wenn es keinen vorgegebenen Text gibt, dabei gibt es dafür keinen Grund. Wo etwas fehlt, tritt etwas anderes an seine Stelle, in diesem Falle sind es die Illustrationen, die ihre Geschichte erzählen. Diese müssen erkannt, entschlüsselt, gedeutet und eingeordnet werden, um sich die Geschichte zu erschließen. Das schult Aufmerksamkeit, Konzepterfahrung, Interpretationsleistung und vor allem die Fantasie. Wo nichts vorgegeben ist, hat man die Freiheit, sich die Geschichte selbst zu erobern und zu gestalten. Worauf legst du den Fokus, was ist dir selbst wichtig beim Erzählen? Was siehst du? Was könnte passieren und wie könnte es weitergehen? All diese Fragen können dir das Vorlesen erleichtern, du wirst aber vermutlich schnell erkennen, dass das Vorlesen eines Silent Books eine eigene Dynamik entwickelt. Das Tolle an dieser Vorlesesituation ist auch, dass man direkt mit seinen Kindern ins Gespräch kommt und sie diese aktiv mitgestalten können. Sie lernen schneller wie sie über ihre Ideen und Gefühle sprechen können, wodurch sie an Sicherheit in der alltäglichen Kommunikation gewinnen.

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Ein weiterer Vorteil von Silent Books ist, dass sie potentiell von jedem verstanden werden können, da es keine Sprachbarriere gibt. Als 2011 immer mehr Flüchtlinge nach Lampedusa kamen, rief die Organisation IBBY (International Board on Books for Young People) im Jahr darauf ein Projekt ins Leben, das Kindern der Insel, egal welcher Herkunft, Zugang zu Büchern ermöglichen und das interkulturelle Verständnis fördern sollte. Das Projekt „Silent Books from the world to Lampedusa and back“ beinhaltet neben der Erstellung einer Sammlung von Silent Books auch der Aufbau einer Bibliothek auf der Insel. IBBY-Sektionen wurden weltweit aufgerufen Silent Books in mehrfacher Ausfertigung (fürs Archiv, die Bibliothek und eine Ausstellung) nach Lampedusa zu senden. In der Wanderausstellung „Silent Books final destination Lampedusa“ werden die Bücher weltweit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Und weil das hier alles noch nicht genug Aufmerksamkeit für Silent Books war: Seit 2014 gibt es den Silent Book Contest, in dem eine neunköpfige Jury aus Verlegern, Agenten und Illustratoren international Silent Books auszeichnet. Die Regeln für die Teilnahme richten sich nach strenger Definition, am 15. Februar dieses Jahres endet die Einreichungsfrist. Der Gewinner / Die Gewinnerin darf sich über 4000 Euro und einen Verlagsvertrag für das eingereichte Bilderbuchprojekt freuen. Ich bin schon sehr gespannt auf die Finalisten. Auf der Homepage des Contests könnt ihr euch durch die vergangenen Jahre wühlen.

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Erst wollte ich einen kleinen Beitrag schreiben, in dem ich euch ein paar Silent Books empfehle, habe mir nun aber überlegt, den Büchern eine eigene Seite zu widmen. Ich werde also immer mal wieder Silent Books besprechen und sie auf dieser Seite sammeln.

Kennt ihr Silent Books? Lest ihr sie gern mit euren Kindern?


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