Kunst für Max

Kinder und Kunst passen zusammen – das wird vermutlich jeder bestätigen, der einmal ein malendes Kind beobachtet hat. Es liegt ein ganz besonderer Zauber in der Freude eines Kindes über das eigene geschaffene Werk. Dennoch steht ein Besuch mit kleinen Kindern im klassischen Kunstmuseum für die meisten Eltern auf der Liste der Ausflugsziele eher weit unten. Wenn man nachhakt, woran das liegt, stößt man immer wieder auf die gleichen Bedenken: Die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder sei zu kurz, dazu kämen noch die vielen Museumsregeln, die eher nicht der kindlichen Natur entsprächen und welches kleine Kind habe schon den nötigen Horizont, um die Werke angemessen zu erfassen? Bei dem Gedanken, mit einem eingeschränkten und gelangweilten Kleinkind im Museum zu sein, bricht den meisten Eltern dann auch schon der Schweiß aus. Schön, dass die Illustratorin Joanne Liu für diesen Fall schon mit einem Tuch parat steht, denn in ihrem Bilderbucherstling „Kunst für Max“ zeigt sie, dass auch kleine Kinder und Kunstmuseen durchaus zusammenpassen, wenn man sie dort auch Kind sein lässt.

Joanne Liu gibt ihrem Protagonisten die Freiheit das Museum zu erkunden, der kleine Max darf nämlich ohne Begleitung ein Kunstmuseum besuchen. Während sich die anderen Besucher jedoch auf die Werke Picassos, Monets, Miros etc. konzentrieren, lässt Max sich von seiner kindlichen Neugier treiben und entdeckt das Museum auf seine ganz eigene Weise. Es sind die kleinen Details in seiner Umgebung, alltägliche Gegenstände und Gegebenheiten, die ihn faszinieren. Mal ist es der grübelnde Ausdruck im Gesicht eines Museumsbesuchers, mal die Schleimspur einer Schnecke oder ein blühender Baum vor dem Fenster – in jedem Ausstellungsraum findet Max etwas, das ihn in den Bann zieht. Und das, so scheint es auf den ersten Blick, sind selten die ausgestellten Kunstwerke. Schaut man jedoch genauer hin, stellt man schnell fest, dass alle Dinge, denen er seine Aufmerksamkeit widmet, Bezug zur ausgestellten Kunst im jeweiligen Raum nehmen. So bestaunt Max beispielsweise den tätowierten Arm eines Museumsbesuchers, während dieser eine antike Vase betrachtet, die ähnlich dicht verziert wie sein Arm ist. Schleimspur und Häuschen der Schnecke erinnern an die gekritzelten schriftzugartigen Werke eines Cy Twombly. Und die durch die Fenster einfallende Sonne wirft rechteckige Muster auf den Boden, während wir direkt daneben auf die Kunst Piet Mondrians schauen können.

Es könnte sich hierbei wieder um eines dieser typischen Bücher handeln, die auf den Unterschied zwischen klassischer Kunst und erlebter Alltagskunst abzielen und Letztere übertrieben erhöhen. Joanne Liu schlägt mit ihrem Bilderbuch allerdings einen ganz anderen Weg ein. Sie stellt sowohl die klassische Kunst als auch die natürlich-alltägliche Kunst gleichberechtigt nebeneinander, die Brücke zwischen ihnen schlägt sie mit ihrem Protagonisten Max. Hier ist und darf Kunst alles zugleich sein, wir sind von ihr umgeben, sei es in der Natur oder im Museum. Vor allem aber liegt sie im Auge des Betrachters und an Max und seiner Art, Kunst wahrzunehmen, sind wir als Leser*innen stets dicht dran.

Klug und pointiert zeigt Joanne Liu, wie Kinder die Welt um sich herum erkunden, nämlich vor allem im Spiel. Sie stehen eben nicht mit Audioguides und Handys bewaffnet minutenlang grübelnd vor einem Bild, sondern haben einen viel sinnlicheren und intuitiveren Zugang zur Kunst. Max überträgt nicht nur das unbewusst Wahrgenommene auf andere Gegenstände, er kommt der ausgestellten Kunst auch nah, in dem er die Perspektive wechselt. So blickt er beispielsweise auf einer Bank sitzend durch seine Beine. Liu lässt uns diesen Perspektivenwechsel erleben, in dem wir auf der folgenden Doppelseite das Geschehen auf dem Kopf wiederfinden. Die plötzlich veränderte Sichtweise bringt auch eine kurze Störung des Gewohnten mit sich und aus dieser Störung heraus, wird das Streifenshirt eines Museumsbesuchers zu einer deutlichen Reminiszenz an die im Raum ausgestellten Werke Mark Rothkos.

Die einzelnen Szenen mit Max bilden stets Bezugspunkte zur Kunst im Museum, zeigen mögliche Referenzen und Übertragungen und verweisen auf den ausgesprochen vielfältigen Umgang mit ihr. Dabei scheint kein Erlebnis dem anderen untergeordnet, die Lesarten sind gleichgestellt. Joanne Liu hat damit eine schöne und vor allem harmonische Herangehensweise an das komplexe Thema Kunst gefunden, die zum wahren Erlebnis wird und sensibel mit falschen Erwartungshaltungen bricht.

An einer Stelle im Buch findet die kindliche Rezeption gewissermassen ihren Höhepunkt, indem Max durch Nachahmung des Dargestellten zur Kunst und zum Künstler gleichermaßen wird. Und weil er sich also auf diese Weise die Kunst und das Museum aneignet, sich quasi sein eigenes Museum entwirft, will es nicht recht einleuchten, dass der deutsche Verlag in der Übersetzung vom ursprünglichen Titel „My Museum“ abgewichen ist. Das ist schade, denn der Originaltitel verweist viel direkter auf all das, was dieses Bilderbuch ausmacht und ist im Vergleich deutlich weniger distanziert.

Von allen Dingen, die die Illustratorin in diesem Buch richtig gemacht hat, ist der Verzicht auf erzählenden Text vermutlich der größte Gewinn. Es ist ein Buch über Kunst, das einzig durch seine Bilder wirkt. Das ist nicht nur folgerichtig, es bietet den Betrachtern auch die nötige Freiheit, um in das Thema einzusteigen. Es entfalten sich unzählige Anknüpfungspunkte, die den Zugang zu diesem Silent Book spielend einfach machen. Man kann an der Oberfläche bleiben und dem kleinen Jungen bei seinem Rundgang folgen, gleichermaßen kann man in die Tiefe gehen und über Kunst an sich sprechen. Dazwischen ist alles möglich und das macht „Kunst für Max“ zu einem wahren Bilderbuchschatz.

Ein Schatz ist Joanne Lius Bilderbuch aber nicht nur inhaltlich. Ihre Illustrationen wirken kindlich-naiv, korrekte Proportionen anatomisch genaue Figuren sucht man hier vergebens. Lius Fokus liegt vielmehr auf Perspektiven und Körperhaltungen der dargestellten Personen. Damit unterstreicht sie auf wundervolle Weise die Bedeutung des mit der Kunst interagierenden Menschens. Und obwohl ihre Gesichter nur aus wenigen Strichen bestehen, schwingt in ihnen überraschend viel Ausdruck mit. Die nachgeahmten Kunstwerke lassen sich gut identifizieren, die Autorin hat das Charakteristische an Ihnen in vereinfachter Form beeindruckend eingefangen. Besonders auffallend ist vor allem die expressive Farbgestaltung des Buches. Die Autorin nutzt kräftige warme Farben, die durch die starken Kontraste nicht nur perfekt zum Thema passen, sie verleihen der Geschichte auch eine enorme Ausdruckskraft.

Alles an diesem Buch ist auf äußerst kluge und humorvolle Weise miteinander verzahnt, auch nach mehrmaligem Anschauen wird man immer noch etwas entdecken, das einem zuvor noch nicht aufgefallen ist. Raffiniert verbindet Joanne Liu klassische Kunst und erlebte Alltagskunst miteinander und gleicht sie so in ihrem Erleben einander an. Dabei erzählt Liu nicht nur von Kunst, ihr Bilderbuch ist selbst ein kleines Kunstwerk. Der liebevoll-aufmerksame Blick, den die Autorin dabei ihrem Protagonisten und ihrem Thema widmet, macht „Kunst für Max“ zu einem wertvollen Buch, das Kinder ab drei Jahren an erste Kunsterfahrungen heranführt und Eltern von falschen Erwartungshaltungen befreit. Wischt euch also den Schweiß von der Stirn, begleitet eure Kinder ins Museum und lasst sie dort ihre ganz persönlichen Kunsterfahrungen machen. Vielleicht zeigen sie euch dann ja auch ihr ganz eigenes Museum.

  • Kunst für Max
  • Autor*in: Joanne Liu
  • Illustration: Dies.
  • ISBN: 978-3-7913-7320-1
  • Prestel Verlag
  • 32 Seiten
  • Hardcover
  • Erscheinungsjahr: 2018
  • ab 3 Jahren

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