
Es kann keine Themenwoche zu winterlichen Silent Books geben ohne diesen einen ganz besonderen Klassiker. Auch wenn die Welt der Silent Books noch neu für euch ist, ist es nicht unwahrscheinlich, dass ihr Raymond Briggs zauberhaftes Buch „Der Schneemann“ bereits kennt. 1978 erstmals erschienen, begeisterte diese zeitlose Geschichte einer Freundschaft zwischen einem Jungen und seinem Schneemann ganze Generationen. Solltet ihr das Buch kennen, frische ich hier gern eure Erinnerung auf und falls es noch neu für euch ist, zeige ich auch hier nun das Buch, das euch in den nächsten Jahren bestimmt nicht mehr aus dem Kopf und aus dem Herzen gehen wird.
Ein Junge baut an einem Wintertag voller Hingabe einen Schneemann. Wir sehen schrittweise, wie er ihn formt, wie er Pausen machen muss und seine Mutter anfleht, weiterbauen zu dürfen, wie er ihn ankleidet und letztlich am Ende des Tages, noch immer von Begeisterung erfüllt, am Fenster klebt, um sein Werk zu betrachten. Diese kindliche Freude hält auch noch in der Nacht an und ob Traum oder nicht (das mag jeder beim Lesen selbst für sich entscheiden) erwacht der Schneemann zum Leben und die Beiden erleben eine unvergessliche Nacht, in der sie sich ihre Lebenswelten vorstellen.

Wer nun eine Nacht voller Abenteuer in uns unbekannten Welten erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Die Welt, in der sich die Beiden bewegen ist zum großen Teil noch immer die Alltagswelt des Jungen und gerade das macht dieses Bilderbuch zu einem faszinierenden Erlebnis. Wir sind dabei, wenn der Schneemann, mal mehr, mal weniger behutsam, unsere Welt kennenlernt. Er freut sich über Elektrizität, genießt die Kühle der Gefriertruhe und wundert sich über das im Glas liegende Gebiss. Es sind all diese kleinen Alltäglichkeiten, die wir mit dem Schneemann neu entdecken dürfen und Briggs beweist in seinen dargestellten Szenen ein großes Gespür für den Zauber der kleinen Dinge. Voller Humor und noch größerer Zärtlichkeit entwirft er mit seinen Bildern nicht nur eine einfache Geschichte, vielmehr können wir durch sie diese überwältigende, kindliche Begeisterungsfähigkeit neu erleben. Genau das macht „Der Schneemann“ auch zu einer generationsübergreifenden Lektüre.


Weiche Bleistiftillustrationen in gedeckten Farben unterstreichen die traumhafte Atmosphäre des Geschehens und geben der Geschichte eine unvergleichliche Feinheit. Trotz seines Jahrgangs wirkt das Buch nicht altbacken, comicartige Kacheln und die Fokussierung auf kleine Abfolgen einzelner Szenen statt auf detaillierte Hintergründe sorgen dafür, dass „Der Schneemann“ in jede Zeit passt. Mit wenigen Strichen in den Gesichtern der Protagonisten und einer liebevoll ausgearbeiteten Gestik erzählt Briggs von einer außergewöhnlichen Freundschaft, die vom Zauber des Augenblicks beseelt ist. Die Begeisterungsfähigkeit für den jeweils Anderen und seine Lebenswelt ist in jeder Zeichnung überwältigend und der große Verlust am Ende des Buches ist absolut bewegend.

Das Lesen von „Der Schneemann“ ist wie das Betrachten einer fallenden Schneeflocke: Die Geschichte ist anrührend und trotz ihrer zarten Erzählweise mitreißend, es ist eine Ode an den Zauber der Flüchtigkeit, eine liebevolle Einladung zum Träumen und Erinnern. Kurz: Ihr werdet euer Herz an dieses Buch verlieren.
1982 erschien ein animierter Kurzfilm zum Buch, den ihr euch hier anschauen könnt:

- Der Schneemann
- Autor*in: Raymond Briggs
- Illustration: Ders.
- ISBN: 978-3-8489-0164-7
- Aladin Verlag
- 32 Seiten
- Hardcover gebunden
- Erscheinungsjahr: 2019
- ab 4 Jahren
