
Diese Themenwoche ist aus meiner Liebe zu Silent Books entstanden, die meisten von euch werden um meine Leidenschaft wissen. Was ihr aber vermutlich noch nicht wisst, ist, dass ich neben dem Interesse an Silent Books auch eine ausgeprägte Schwäche für Papierkünste jeglicher Art habe. In Camille Garoches „Le lapin de Neige“, das ich euch heute vorstellen möchte, treffen diese beiden Lieben in schönster Manier aufeinander. Wir blicken hier nicht nur auf ein fabelhaft erzähltes Silent Book über die tiefe Verbindung zweier Schwestern, sondern auch auf ein herausragend gestaltetes kleines Kunstwerk voller magischer Augenblicke.
Ein kleiner aus Schnee geformter Hase ist der Beginn eines abenteuerlichen Ausflugs zweier Schwestern. Eines der Mädchen bringt den Hasen in die Wohnung, um ihre Schwester, die im Rollstuhl sitzt, daran teilhaben zu lassen. Als der Hase in der Wärme der Wohnung jedoch zu schmelzen beginnt, begeben sich beide Kinder nach draußen, um ihn zu retten. Als der kleine Schneehase dann plötzlich vom Schoß des einen Mädchens hüpft, beginnt ein magisches Abenteuer, das sie durch ihre tiefe schwesterliche Verbundenheit bestehen.


Camille Garoche und Didier Genevois, mit dem sie zusammen diese Geschichte erdacht hat, haben ein außerordentliches Gespür für vielschichtiges Erzählen. So erschöpft sich die Geschichte nicht allein in der Ausgestaltung eines magischen Erlebnisses, sondern bietet mit viel Symbolik ein tiefgründiges Vergnügen. Der Hase wird zum verbindenden Band der Schwestern, zum Lichtblick, zur Aushebelung eingeschränkter Möglichkeiten, zum Rettungsanker und steht letztlich für all die Empathie, Rücksichtnahme und Liebe, die das zwischenmenschliche Miteinander benötigt. Diese Vielschichtigkeit ist eine der größten Stärken dieser Geschichte und macht ihren bezaubernden Reiz aus.

Ein wahrhaft meisterliches Werk wird es aber vor allem durch Garoches analoge Papierwelten. Hier ist der Ort, an dem die wahre Magie passiert. Ihre Figuren und Kulissen wurden sorgsam illustriert und ausgeschnitten, liebevoll in einem Diorama arrangiert und fotografiert. Die Perspektiven sind dabei nicht starr, Garoche schöpft aus der Fülle an gestalterischen Möglichkeiten, indem sie je nach Bedeutung Dinge anvisiert und hervorhebt und durch gezielt gesetzte Fokuspunkte Dinge in den Vorder- oder den Hintergrund rückt. Kunstvoll setzt sie Licht und Schatten für eine außergewöhnliche Bildtiefe ein, die dem Ganzen Geschehen einen gleichermaßen realen sowie irrealen Hauch verleiht.


Ihre Arrangements sind atemberaubend in ihrer Zartheit, die Waldkulissen so detailliert und stimmungsvoll, dass man sich an ihren Hintergründen gar nicht sattsehen kann und die Figuren sind in Mimik und Gestik so präsent, dass sie trotz ihrer scherenschnittartigen Gestaltung lebendig wirken.
„Le lapin de neige“ ist traumhaft schön erzählte Kunst. Garoche ist eine wahre Magierin, die aus ein wenig Papier inspirierende Welten entstehen lässt, in denen man sich nur allzu gern verliert.

- Le lapin de neige
- Autor*in: Camille Garoche u. Didier Genevois
- Illustration: Camille Garoche
- ISBN: 9782203120808
- Casterman
- 48 Seiten
- Hardcover gebunden
- Erscheinungsjahr: 2016
- ab 4 Jahren
