
Seit Jahrhunderten haben Wölfe in der Literatur keinen besonders guten Stand. Zwar kommen sie häufig in Geschichten vor, meist werden sie jedoch als gefährlich oder gar bösartig dargestellt. Wenn dann noch ein Mädchen im roten Mantel hinzukommt, ist die Deutung nur allzu klar. Ob Märchen oder moderne Erzählung, wenn ein Wolf darin vorkommt, dann ist es traditionell der böse Wolf. Dabei sind Wölfe und Menschen sich ähnlicher, als man im ersten Moment meinen könnte. „Wolf in the snow“ bricht mit dieser erzählerischen Zuweisung und zeigt den Wolf als das, was er naturgemäß ist. Ein Tier, das im Familienverbund lebt, das die eigene Familie vor möglichen Gefahren schützt und dessen Kinder auch hilfsbedürftig sind. Cordells #silentbook ist ein einfühlsamer Appell jedem Lebewesen mit Respekt zu begegnen.
Ein Mädchen macht sich nach der Schule auf den Nachhauseweg, gerät in einen Schneesturm und verirrt sich. Zeitgleich verliert ein kleines Wolfskind den Anschluss an das Rudel und irrt ebenfalls orientierungslos umher. Die beiden Protagonisten treffen aufeinander, das Mädchen bringt das Wolfskind zu seinem Rudel zurück, im Gegenzug helfen die Wölfe dem Mädchen gefunden zu werden.
Es sind große Themen, mit denen „Wolf in the snow“ daherkommt. In der Annäherung der Figuren geht es um Vertrauen und Verantwortung, die Spiegelung des Geschehens vermittelt den kleinen Lesern einen Eindruck von Nächstenliebe und der fokussierte Blick auf das Wolfsrudel lehrt Achtsamkeit. Cordell vermittelt all das mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Er braucht keinen erhobenen Zeigefinger, sondern lediglich zwei Figuren, die über ihre Grenzen gehen.

Für sein Buch wurde Matthew Cordell mit der Caldecott Medaille geehrt, ein Literaturpreis, mit dem nicht die Autoren, sondern die Illustratoren ausgezeichnet werden. Betrachtet man die vielen gestalterischen Überlegungen und Schritte, die Cordell in seinem Buch geht und die gleichermaßen roh und zart gezeichneten Tusche-Aquarell-Illustrationen, kommt man nicht umhin festzustellen, dass die Jury definitiv die richtige Wahl getroffen hat.


Noch vor dem eigentlichen Titelblatt werden wir bereits in die Geschichte hineingeführt. Wir sehen das Mädchen im Kreis ihrer Familie, sehen wie es zur Schule aufbricht und landen auf der Seite danach direkt im Wolfsrudel, das ebenfalls in Bewegung ist. Cordell wechselt Seite um Seite die Perspektive, teils bricht er dieses Muster auf und lässt die einzelnen Geschehen auf einer Seite nebeneinanderlaufen, indem er sie kreisförmig umrandet. Das unterstreicht die Ähnlichkeit des Erlebten, gleichermaßen sind ihre Welten durch die Kreise noch deutlich voneinander getrennt. Als das Mädchen und der Wolf aufeinandertreffen werden diese Perspektiven aufgelöst, sie bewegen sich nun im gleichen Raum und teilen ihr Schicksal. Das ist so simpel wie genial und zeugt von Cordells feinfühligem Blick auf seine Figuren.
Obwohl Cordell seiner Protagonistin durch ihren dicken Mantel und einem halb vermummten Gesicht kaum Platz für Mimik lässt, sind ihre Gesichtszüge so ausdrucksstark, ist die Kombination mit ihrer Gestik so harmonisch, dass man dieses Abenteuer unmittelbar mit ihr gemeinsam erlebt. Man kann die Erschöpfung, die Verzweiflung, die Angst und Erleichterung regelrecht spüren. Das macht aus einer einfachen Lektüre ein bewegendes und fesselndes Leseerlebnis, das seinesgleichen sucht.

Betrachtet man die einzelnen Seiten, könnte man glatt behaupten, dass es sich gar nicht um ein richtiges Silent Book handelt, da man durchaus auf Worte stößt. Diese sind aber lediglich Lautmalereien und für das Verständnis der Geschichte nicht notwendig. Stellenweise wirken sie gar störend im Szenario.

Wenn man ein Buch in Händen hält, auf dem ein Mädchen in roter Jacke und ein Wolf zu sehen sind, dann kann mal als Autor die Referenz zwar verleugnen, aus den Köpfen der Leser wird man sie dennoch nicht bekommen. Man kann die damit einhergehende Erwartungshaltung aber durchaus brechen, indem man dem Wolf nicht den Stempel des Bösen aufdrückt. „Wolf in the snow“ ist weder Märchen noch Rotkäppchenadaption, sondern eine ganz wunderbar eigenständige Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft, die wahre Natur der Wölfe und die Macht der Hilfsbereitschaft. Und wenn ihr das nächste Mal ein Bild von einem rotgewandeten Mädchen und einem Wolf seht, vielleicht denkt ihr auch gar nicht zuerst an Rotkäppchen, sondern an Matthew Cordells Buch und dass wir alle hier als fühlende Lebewesen auf dem Planeten Erde wandeln.

- Wolf in the snow
- Autor*in: Matthew Cordell
- Illustration: Ders.
- ISBN: 978-1-250-07636-6
- Feiwel & Friends
- 48 Seiten
- Hardcover gebunden
- Erscheinungsjahr: 2017
- ab 4 Jahren
